Ganze 513 Jahre sollte es dauern, bis die Stadt Ulm den höchsten Kirchturm der Welt erhielt. Seit seiner Fertigstellung im Jahr 1890 ist er das markante Wahrzeichen der Donaustadt und zu Recht Stolz der Ulmer Bürgerschaft. Das Ulmer Münster hat aber nicht nur den welthöchsten Turm, es ist in vieler Hinsicht ein Rekordbau der vergangenen Jahrhunderte. Doch was macht Ulms Bürgerkirche zu einem so bedeutenden Bauwerk?

Ulm galt als bedeutender Handelsplatz vieler Waren und seine Bürger waren reich. Im 14. Jahrhundert bei Beginn des Münsterbaus wurde Ulm Hauptort für Versammlungen des Bundes und bekam den Titel „Haupt und Zierde Schwabens“. Da aber die damalige Kirche außerhalb der Stadt lag und die Bürger sich infolge von kaiserlichen Belagerungen nicht mehr in den Gottesdienst vor die Stadtmauern trauten, musste eine neue Kirche her.

In der damals freien Reichstadt Ulm, die römisch-katholisch geprägt war, sollte die größte evangelische Pfarrkirche Deutschlands entstehen. Denn in der Zeit der Reformation um die Jahre 1530/31 bekannte sich die Bevölkerung in einer Abstimmung zum evangelischen Glauben. Von jeher hat das Münster ein Fassungsvermögen von rund 20.000 Menschen. Diese Zahl überstieg zur Gründungszeit bei Weitem die Einwohnerzahl Ulms und die Kirche war damit weitaus größer, als viele bischöfliche Dome der christlichen Welt.

Die Besonderheiten begannen bereits beim Aushub und der Grundsteinlegung am 30. Juni 1377. Denn der Bau wurde nicht, wie sonst üblich von Fürsten finanziert, sondern von der Bevölkerung. Die reichen Ulmer Bürger legten Goldstücke in die Baugrube, um den Bau zu bezahlen. Aufgrund der anhaltend großen Spendierfreude der Ulmer Bürger ist das Ulmer Münster bis heute die größte Bürgerkirche. Erstmals eingeweiht mit provisorischem Notdach wurde es am 25. Juli 1405, also 28 Jahre nach Baubeginn. Doch bis das Wahrzeichen Ulms ganz fertig wurde, sollte es über 500 Jahre dauern.

An der in gotischer Architektur, der filigranen Baukunst des Mittelalters, errichteten Kirche mit ihren typischen Spitzbogen und den Kreuzrippen-Gewölben, versuchten sich fast 40 Baumeister. Allein neun wechselten sich in der ersten Bauphase zwischen 1377 und 1493 ab. Als sich dann nach über 100 Jahren die ersten Schäden bemerkbar machten und Steine abstürzten, wurde ein Gremium aus gleich 28 Baumeistern berufen, diese zu beheben. Bis 1543 waren sie im Einsatz, dann begann der Bau zu ruhen. Aufgrund von Geldknappheit und der damals politisch und christlich turbulenten Zeiten stand die Rekordbaustelle still. Zu dieser Zeit fehlten noch die Hallen, die Turmhelme und der Hauptturm war gerade einmal 70 Meter hoch.

Nach gut 300 Jahren wurde das Gotteshaus baufällig und es drohte zu verfallen. Daher wurden 1844 die Bautätigkeiten wieder aufgenommen. In den Folgejahren bis 1890 stellten die letzten drei Bauherren das monumentale Werk im neugotischen Stil des 19. Jahrhunderts fertig. Seit der Einweihung am 31. Mai 1890 steht die Kirche der Bürger von Ulm sicher und standfest. Selbst der verheerende Bombenangriff im Dezember 1944 konnte dem Wahrzeichen Ulms fast nichts anhaben.

Der mit 161,53 Meter höchste Kirchturm der Welt kann heute über 768 Stufen bestiegen werden. Ein Aufzug? Fehlanzeige! Hier ist sportliche Aktivität gefragt. Dafür wird der Ersteiger des Turms mit einem atemberaubenden Panoramablick belohnt. Die höchste Besucherplattform liegt auf 143 Metern, also nur ein paar Meter unterhalb der Kirchturmspitze. Von hier aus ermöglicht sich ein Blick über die Stadt und die ganze Region bis hin zum Alpenrand.

Belohnen kann man sich nach dem Treppenlauf mit einem perfekten Blick auf das Ulmer Münster. Die kunstvollen Verzierungen und Figuren des Hauptportals können aus der dritten Etage im Stadthaus gut bestaunt werden. Gemütlicher hat es, wer sich in der umliegenden Gastronomie einen Tisch reserviert und bei einer regionalen Spezialität und einem erfrischenden Drink seinen Blick auf die Kirche richtet. Auf dieses Bauwerk, das in einem Atemzug mit denen in Köln, Wien, Straßburg und Prag genannt wird.

Es sei die schönste aller Kirchen, sagte einst der weitgereiste Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri. Dank der Architektur des Münsters falle das Licht in jeden Winkel ein. Wer sich davon überzeugen und die Pfarrkirche mit ihren Orgeln, 51 Altären und der Kanzel von innen bestaunen möchte, kann sie tagsüber jederzeit besuchen. Der Eintritt ist frei. Doch sollte der Besucher bedenken, dass es sich um eine Kirche handelt und hier vor allem während der Gottesdienste die Ruhe gewahrt werden sollte. Spezielle Führungen, die Informationen zur Geschichte und Architektur geben, Öffnungszeiten, Gottesdienste und andere Veranstaltungen sind im Internet unter ulmer-muenster.de abrufbar.

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