Das Fischerviertel in Ulm, dort wo heute Romantiker ins Schwärmen geraten, flaniert und gespeist wird, war früher ein bedeutender Handelsplatz. An den Armen der Blau, die hier in die Donau münden, waren einst Handwerker aktiv, die das Wasser für ihre Arbeit zwingend benötigten. Mit Wohlfühlatmosphäre hatte dies zu damaligen Zeiten sicher weniger zu tun. Es ist eher anzunehmen, dass hier die Luft von unangenehmen Gerüchen erfüllt war.

Das Fischerviertel war der Handwerksbezirk, der im Mittelalter die Stadt Ulm mit allen wichtigen Gütern versorgte und Hauptumschlagsplatz für den internationalen Handel war. Im heute unter dem Namen Fischerviertel bekannten Altstadtteil von Ulm war weitaus mehr als nur der Fischfang angesiedelt. Auch Seifensieder, Müller und Gerber verdienten hier ihr tägliches Brot. Heute zeugen die Brücken und Stege, sowie die alten schmucken Fachwerkhäuser, die sich in verwinkelten Gassen bis zu den Toren der Stadtmauer aneinanderreihen, von der Vielfalt des damaligen Handwerks. Sieben alte Mühlräder können hier noch bestaunt werden. Die vielen über seichten Wasserstellen erbauten Balkone und Galerien, dienten den Gerbern als Trockenplätze für ihre stinkenden Lederhäute. Daher wird auch vielmals vom Fischer- und Gerberviertel von Ulm gesprochen.

Später kam zu den Fischern, Müllern, Seifenmachern und Gerbern das Handwerk des Schiffbaus hinzu. Ein damals wichtiger Geschäftszweig für die Stadt an der Donau, dem zweitlängsten Fluss Europas. Im Zuge der Ansiedlung des Schiffsbaus entstanden auch die ersten flachen Holzboote mit ihren Kastenaufbauten, die heute noch als Ulmer Schachteln bekannt sind. Diese Flussboote beförderten im Mittelalter Waren und Passagiere donauabwärts in ferne Länder.

Auch heute sind sie noch teilweise unterwegs und unternehmen Nostalgiefahrten, die traditionsgemäß im Fischerviertel starten. Dort zwischen den malerischen Fachwerkgebäuden aus den Jahren vom 15. bis zum 17. Jahrhundert, die zum Teil auf Fundamenten direkt im Wasser stehen. Durch diese Bauweise bedingt, haben sich einige Häuser im Laufe der Jahrhunderte in eine Schräglage begeben, was dem Fischerviertel seinen ganz besonderen Reiz verleiht.

Das wohl bekannteste und im Guinnessbuch der Rekorde verewigte Gebäude des Fischerviertels ist „das Schiefe Haus“. Ein fünfgeschossiger Fachwerkbau, welcher eine ganz bedeutende Schräglage aufweist. Das aus dem Jahr 1443 stammende und ehemals von den Schiffsmeistern genutzte Haus, senkte sich auf der Wasserseite stark ab. Im 17. Jahrhundert musste es daher erstmals abgestützt werden. Bei einer umfassenden Restaurierung Mitte 1990 wurde die Statik mit Stahlbändern gesichert ohne die Schieflage zu verändern. Seit 1995 steht das Schiefe Haus als Hotel zur Verfügung. Die einzelnen Zimmer neigen sich auf ihre Gesamtbreite gesehen um bis zu 40 Zentimeter. Doch keine Sorge, in den Betten liegen die Gäste gerade, was eine jeweils an den Kopfenden angebrachte Wasserwaage beweist. Die Möbel wurden an die Schieflage passend waagerecht ausgerichtet.

Viele erhaltene Details zeigen ein imposantes Bild der Ulmer Geschichte. Sie sind es, die das Fischerviertel so liebenswert machen. Restaurants, Cafés, Galerien und kleine Geschäfte in den aufwendig und liebevoll restaurierten Gebäuden lassen die Zeit vergessen. Das Fischerviertel und seine besondere Atmosphäre sind ein Muss für jeden, der Ulm bewohnt oder besucht.

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